Eine Reise durch die Westukraine und Nordostrumänien 

Mit meinen Augen wollte ich sehen, was in dieser nicht allzu fernen Region passiert. Beunruhigende Nachrichten ereilen uns zur Genüge. Doch wie leben die Menschen in der Ukraine trotz des Krieges im Osten? Wie zeigen sich die Städte und das Land? Und im Vergleich dazu:  Wie sieht es auf der anderen Seite aus, in Rumänien, das zur Europäischen Union gehört? Wie entwickeln sich dort Städte und Dörfer? Was die Medien berichten, wissen wir. Aber was können wir von den Menschen erfahren?

Den rumänischen Teil mit den Moldauklöstern besuchte ich vor fünf Jahren. Im rumänischen Maramures (dt. Maramuresch) trampte und wanderte ich vor 40 Jahren. Damals fühlte ich mich ins 19. Jahrhundert versetzt.

(1) Lwiw findet keine Ruhe

Zunächst überraschte mich Lwiw (dt.Lemberg). Eine Stadt, dessen Charme mich sofort faszinierte und an Prag und Krakau erinnerte: voller junger Leute, Musiker, Maler und Gaukler auf den Straßen. Die Mädchen und jungen Frauen, wie wir sie von Polen kennen, zeigen sich selbstbewusst, schlank, elegant und modisch. Häufig sind Jung und Alt mit traditionell bestickten Hemden gekleidet. Kneipen, Cafés und Restaurants drängeln sich in der Stadt und auf den Straßen. Die Gasthäuser wechseln sich mit barocken Kirchen, Kapellen und Klöstern ab. Straße für Straße reihen sich restaurierte Bürgerhäuser der Renaissance, des Klassizismus, Biedermeiers und Historismus aneinander. Ein mächtiges Rathaus mit schlankem Turm steht in der Mitte der Stadt. Am Eingang erinnern Fotos – auf eine Tafel geheftet – an in der Ostukraine im Krieg getötete Männer, davor Blumen in den Landesfarben.

Unbeeindruckt scheint das Leben weiter zu gehen. Überall sitzen und schwatzen junge lebensfrohe Leute. Ein quirliges Auf und Ab. Souvenirs werden verkauft, Blumen, Eiscreme, Saft und Wasser, auch Klopapier mit aufgedrucktem Putin. Dazwischen schiebt sich einer, arm und elendig, und bittet um Geld. Proppenvolle, klapprige Straßenbahnen queren eher leise die Altstadt. Holprig das Straßenpflaster. Überall wird schmackhaftes Essen angeboten, guter Wein und auch heimisches Bier. Alles, was das Herz begehrt, gibt es und für uns zu extrem guten Preisen. Englisch kann jeder. Deutsch hören ich eher selten. Coffee to go heißt hier: Kaffee spaziersch. Ukrainische Fahnen und Wimpel wehen an allen Ecken. Die Stadt feiert an diesem langen Wochenende – die Nacht nimmt kein Ende – und freut sich über die Befreiung von den Deutschen vor 70 Jahren. Mitten im Getümmel entdecke ich auf dem Vorplatz zur Oper einen Panzerwagen – bunt geschmückt – und zwei Soldaten.

Mein Hotel, namens George, altehrwürdig, um 1900 erbaut, beherbergte schon Kaiser Franz Joseph I. und zu meiner Freude auch die Musiker Brahms, Liszt, Strauss und Ravel. In Österreich-Ungarn war Lemberg die viertgrößte Stadt nach Wien, Budapest und Prag, nach 1918 im wiederentstanden Polen die Metropole im Osten. Diese Bedeutung bringen die Lemberger, die heute überwiegend Ukrainer sind, in ihrer Lebensart stolz und selbstbewusst zum Ausdruck.

Ein Wunder bleibt, dass wir Deutschen hier gastfreundschaftlich aufgenommen werden. Am Abend spreche ich mit G. G. und Tochter, die in Workuta geboren ist, weil ihr Vater, ein Ukrainer, wie zehntausende Landsleute von den Sowjets deportiert wurde. Zum Krieg im Osten sagen sie, wir haben gegen Russland keine Chance, aber wir nutzen sie.

Mitternacht. Die Stadt feiert fröhlich und laut. Können wir von der Ukraine lernen? Die Süddeutsche Zeitung überschreibt einen Gastkommentar mit „Ukrainischen Lektionen“.

notiert am 27. Mai 2015

(2) Neues Tscherniwzi in alten Mauern 

Mein nächstes Ziel ist die Stadt Tscherniwzi, (dt. Czernowitz), knapp 300 Kilometer südöstlich von Lemberg gelegen. Keine Entfernung dachte ich, doch – bin schockiert – die Straße, die dahin führt, befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Bei mehr als 60 Kilometer pro Stunde Fahrtgeschwindigkeit riskiere ich aufgrund knietiefer Löcher einen Achsbruch, bei langsamer Fahrt überholen mich ständig links und rechts PKWs und Kleinlaster. Die Einheimischen kennen sich eben aus …

Die Landschaft mit weitem Horizont ist nicht spektakulär. Die Dörfer und kleinen Städte wirken einfach und bescheiden, aber nicht armselig. Die Leute scheinen einigermaßen mit dem täglichen Leben zu recht zu kommen. Auch hier flattern an vielen Häusern ukrainische Wimpel. Neue Wohnhäuser fehlen. Moderne Tankstellen gibt es zahlreich. Ab und zu tauchen in der Landschaft einzeln stehende, große neue Villen auf und mit glänzenden Goldkuppeln neue orthodoxe Kirchen. In den Städtchen sehe ich restaurierte Häuser eher selten.

Die Felder sind größtenteils bebaut. Die Äcker zeigen tiefschwarze, fruchtbare Erde. Dennoch blüht der Raps nur dürr auf vereinzelten Stängeln. Wenig Wald und Bäume. Kühe und Ziegen grasen am Straßenrand oder werden von einem Hirten betreut, ruhig und friedlich das Bild, wenngleich für unser Denken befremdlich.

Nach sechs Stunden Fahrt und einigen Pausen erreiche ich erschöpft Czernowitz und bin gespannt darauf, was mich erwartet. Die Stadt liegt an einem weiten Talhang westlich des nicht allzu breiten Flusses Pruth. Eine Legende besagt, der Fluss hätte Schutz vor kriegerischen Tataren und Mongolen geboten, der dunkle Buchenwald dahinter sei abschreckend gewesen. Östlich des Flusses (Stadtteil Sadhora) siedelten in der Tat vor allem Juden. Die Zufahrt über kaputte Straßen und an renovierungsbedürftigen einstöckigen Häusern vorbei ist schwierig. Dann führt die Straße bergan und wir sind mitten im Verkehrstrubel der recht großen Stadt (ca 250 000 Einwohner).

Die für den Verkehr viel zu schmalen Straßen und Gassen lassen die Suche nach meinem Hotel zu einem Abenteuer werden. Hinweise auf den Karten widersprechen den Straßennamen. Ich wohne schließlich im Zentrum mit den typischen zweistöckigen gelbfarbenen klassizistischen Häusern aus den Zeiten der Donaumonarchie. Alles blättert etwas ab, Stuck, Putz und Farbe. Die Ausstattung des Hotels ist vorzüglich.

Ich laufe in die Stadt, die nun am Abend im Vergleich zu Lemberg viel ruhiger ist, ja fast menschenleer wirkt. Die Flaniermeile prägen gut restaurierte, reich gegliederte drei- und vierstöckige Gebäude eines prachtvolle, opulenten Historismus. Am äußersten Ende der Straße, die sich lang und quer am Talhang erstreckt, ehemals Herrenstraße genannt, entdecke ich ein Gebäude, das Haus der Deutschen, in einem kantigen Heimatstil. Dann finde ich in einem Souterrain ein Café mit jungen Leuten und viele alte deutschsprachige Zeitungen aus den 1920er und 1930er Jahren: so das Czernowitzer Morgenblatt und den Vorwärts. Hier hätte ich endlos Kaffee genießen und lesen können. Czernowitz war bis 1940 eine Stadt mit unglaublich viel Zeitungen (vgl. Studien zur Geschichte der deutschsprachigen Presse der Bukowina 1848 – 1940).

Auf der Straße gegen 21 Uhr bummeln nur Vereinzelte, die Gaststätten sind nicht besonders gut besucht. Die Stadt scheint – im Gegensatz zu Lemberg – ihre Identität noch nicht gefunden zu haben. Oder doch?

notiert am 27. Mai 2015

(3) Muttersprache Deutsch und Neuanfang 1991 

Am nächsten Tag – Czernowitz ist aufgewacht – besuche ich das ehemalige jüdische Theater, sehe auf dem Wege dorthin zwei imposante Synagogen, eine ist wohl leer, die andere zu einem Kino umfunktioniert. Ein großes Wohnviertel schließt sich mit gut erhaltenen Gebäuden im Jugendstil und Historismus an. Zeugen einer versunkenen Zeit. Die Schillerstraße, die Goethestraße zeigen Wertschätzung. Für den Dichter Paul Celan, hier geboren, errichtete die Stadt 1993 ein Denkmal. Czernowitz war traditionell Hauptstadt der Bukowina – eines Herzogtums am östlichen Rand der Donaumonarchie.

Der Erste Weltkrieg setzte der Stadt mit mehrfachen russischen Besetzungen mächtig zu. Der Zweite Weltkrieg brachte mit dem deutschen Nationalsozialismus die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung und damit auch die Vernichtung der ursprünglich multi-ethnischen Kultur. Dabei hatte die deutsche Sprache hier eine besondere und integrative Rolle gespielt. Ab 1918 gehörte Czernowitz als Cernăuţi zum Königreich Rumänien, das, zunächst mit dem Nationalsozialismus verbündet, 1944 die Seiten wechselte.

1940 wurden diese Gebiete, wie mit den Nazis vereinbart, sowjetisch besetzt und einvernehmlich die deutsche Bevölkerung ausgesiedelt. 1944 folgte mit der Befreiung von den Deutschen erneut die sowjetische Besatzung für fast 50 Jahre. Endgültig zerbrach die einstmals stolze, reiche und kulturvolle Stadt. Die jüdische Bevölkerung war von den Rumänen – nach deutschem Vorbild – zunächst ins Getto, später nach Transnistrien verschleppt worden und kam dort fast vollständig um. Nach 1944 brachte stalinistischer Terror mit Gefängnissen und Mord, Verstaatlichung und Vertreibung Opfer zu Zehntausenden.

Um 1900 sprach die Hälfte der Bevölkerung Deutsch als Muttersprache, 15 Prozent Rumänisch, 20 Prozent Ukrainisch und mehr als 10 Prozent Polnisch. Rund 30 Prozent der Bevölkerung war jüdisch, meistens gaben die Juden Deutsch als Muttersprache an. Heute liegt der Anteil der Ukrainer bei 80 Prozent, der der Russen bei 10 Prozent, der der Rumänien bei knapp 5 Prozent. Die Juden, die bis 1989 hier überlebten (rund 6 Prozent), wanderten aus (Zahlen nach Wikipedia). Stadt, Gebäude und Straßen blieben die Gleichen, heute prägen Menschen von überall her Czernowitz. Nur ganz wenige überlebten (Deutsche Welle: Geschichte von Frau Zuckermann). Welche Vergangenheit die Menschen auch hier in sich tragen, sie werden im Jahr 2016 ein Vierteljahrhundert staatliche Unabhängigkeit der Ukraine feiern. Die Stadt hat ein neues Selbstverständnis gewonnen. Das sehe ich – auf dem zweiten Blick (vgl. Czernowitz heute und der Umgang mit dem gemeinsamen kulturellen Erbe). „Die Unabhängigkeit der Ukraine 1991 läutete einen Neuanfang ein.“

Schade, ich hätte gern vor Ort mehr vom Neubeginn der Stadt erfahren, die eine solche Geschichte hat, einen solchen Mythos trägt und mich als Deutschen nach wie vor beschämt. Unsere sehr gut Deutsch sprechende Stadtführerin und promovierte Germanistin Svitlana muss wegen eines Unfalls ihres Vaters kurzfristig absagen. Sie entwickelt im Moment eine anspruchsvolle Internetseite zu Czernowitz.

Wir touren weiter in Richtung Rumänien – in der bangen Hoffnung, mit dem Mietwagen über die Grenze zu kommen.

notiert am 28. Mai 2015

(4) Traumhaft schön für Gläubige, Touristen und Historiker 

Die Grenzer an der ukrainisch-rumänischen Grenze kontrollieren zügig und nett. Unsere Angst vor dem Grenzübertritt rührt also noch aus dem vorigen Jahrhundert her, als im sozialistischen Rumänien von Ceaușescu die Grenzer zu den übelsten ihrer Sorte gehörten. Willkürliches stundenlanges Warten und offene Bestechung gehörten zum Repertoire und sind – Gott sei Dank – heute Geschichte.

Ich durchfahre eine flache Landschaft, überquere nach wenigen Minuten den Fluss Siret. Von dieser Seite fuhr ich noch nie nach Rumänien und hatte eigentlich auf ukrainischer Seite mit Bergen gerechnet. In Rumänien empfängt mich Siret, eine hektisch betriebsame Kleinstadt. Ich fahre weiter nach Rădăuţi (dt. Radautz) – ein Städtchen mit ca. 30 000 Einwohnern, einer prachtvollen (verschlossenen) Synagoge und der Bogdana-Kirche, einer der ältesten Kirchen Rumäniens.

Rădăuţi war einst die zweitgrößte Stadt nach Czernowitz in der Bukowina. Heute zeigt sie sich quick lebendig und überaus geschäftig. Viele der Häuser, auch die, die ehemals von der jüdischen Bevölkerung (35 Prozent 1920) bewohnt wurden, sind heute gut restauriert. Ich möchte weiter in die Pension Casa Felicia in der Nähe des Mânăstirea Moldoviţa, (dt. Kloster Modavita). Durch ein endlos lang erscheinendes Dorf führt meine Straße, rechts und links gesäumt von deutlich mehr neuen als alten Häusern.

Die Pension befindet sich in einem traditionellen Bauerngehöft mit drei Holzhäusern und einer Scheune. Alles wunderbar eingerichtet und geschmückt mit bestickten Tüchern und Teppichen, in keiner Weise kitschig. Das schmackhafte Essen am Abend und am Morgen gibt es für die Gäste liebevoll vorbereitet an einer Tafel. Hier ergeben sich anregende Gespräche – in diesem Jahr mit Schweizern und Österreichern.

500 Meter Fusmarsch sind es zum Kloster – zunächst am Klostergarten mit blühenden Apfelbäumen vorbei, dann erheben sich die Klostermauern, mächtig und wehrhaft. Das spitze Kirchendach und die Kuppel des Kirchturms ragen mit orthodoxen Kreuzen über die Mauern. Das Kloster liegt harmonisch eingebettet in einem Tal der bewaldeten Karpatenberge. Ein wunderbarer Buchenwald.

Am äußeren Zugang zum Kloster säubert eine Nonne sorgfältig den roten Postbriefkasten. Im wuchtigen Holztor steht nur ein Türchen offen, ich muss den Kopf einziehen und mich schmal machen, um eintreten zu können. Eine Nonne nimmt das Geld für das Eintrittsbillett und begrüßt auf Rumänisch und Englisch. Dann erblicke ich die strahlenden Farben der Fresken an den Außenmauern der Klosterkirche. Der Innenhof, außerordentlich gepflegt, empfängt uns mit großer Stille.

Das Kloster Moldavita wurde 1532 erbaut, also in einer Zeit, als in Mitteleuropa die Klöster geschlossen wurden. In dieser Gegend, die damals zu den Fürstentümern Moldau gehörte, entstanden im 15. und 16 Jahrhundert zahlreiche Klosteranlagen. Die Fürstentümer mussten an das osmanische Reich, die „Hohe Pforte“, Tribut zahlen, waren also abhängig von den Türken und stets gefährdet durch andere Krieger aus Ost und West. Die Geschichtsschreibung sagt, dass die christlichen Fürsten immer dann, wenn sie eine siegreiche Schlacht geschlagen hatten, Klöster stifteten und errichten ließen. Die reiche Außenbemalung rühre daher, dass sich die Kirchen für die zahlreichen Gläubigen häufig als zu klein erwiesen (Deutsche Welle).

Die Klöster der Bukowina gehören seit den 1970er Jahren zum Weltkulturerbe der UNESCO. Der Rumänische Staat pflegte damals zwar das bauliche Erbe, ging aber höchst restriktiv und manchmal brutal mit Gläubigen, Priestern, Mönchen und Nonnen um. Als sich 1948 katholische Priester und Bischöfe weigerten, sich in die rumänische orthodoxe Kirche eingliedern zu lassen, kam es zu Verhaftungswellen. Die kommunistische Erziehung umfasste alle Lebensbereiche und auch besonders die der Religion. Heute ist Rumänien Schätzungen zu folge das Land in Europa mit den meisten neuen Kirchen (Die rumänisch-orthodoxe Kirche, Kadri Kehayova). Die vielen neu gebauten Kirchen könnten in der Tat – und das wäre mir befremdlich –  als ein Akt der Wiedergutmachung  verstanden  werden. Ja, die orthodoxe Kirche hat die Zeiten von 1940 bis 1989 relativ gut überstanden.

Auf dem Rückweg vom Kloster spricht mich ein bärtiger sympathischer junger Mann an, ob ich Deutscher sei. Er habe so gern in Deutschland gelebt und sei dem wunderbaren Lande dankbar, habe bei BMW sechs Jahre gearbeitet und sich von diesem Geld hier in Rădăuţi ein Häuschen kaufen können. Dann habe er überlegt, was er in seiner Heimat machen könne, und sich schließlich für das Studium der Theologie entschieden. Heute sei er orthodoxer Priester, wenngleich zunächst erst als „Vorleser“ tätig.

notiert am 29. Mai 2015

(5) Romantisch, reich und eine grausame Geschichte 

Mein nächstes Ziel ist Maramureș (dt. Maramuresch). Ich besuchte vor vierzig Jahren den Nordosten Rumäniens. Damals fühlte ich mich ins 19. Jahrhundert versetzt. In meiner Erinnerung prägen das Gebiet bewaldete Berge und eine traditionelle dörfliche Holzarchitektur.

Vom Prislop Pass in fast 1.500 Metern Höhe genieße ich den Blick über die Berge – links die Munții Rodnei (Rodagebirge) und rechts die Muntii Maramuresului (der Hauptkamm des Maramuresgebirge), das Grenzgebiet zur Ukraine. Im Netz erkenne ich auf einem Foto vom 2303 Meter hohen Pietrosul (vermutlich) die niedrige Steinhütte, in der ich Anfang der 1970er Jahre nächtigte, um mich vor Schnee, Regen und Sturm zu schützen.

Die Straße führt über Serpentinen bergab und wird zunehmend schlechter. Ab Moisei (dt. Mosesdorf) fahre ich zunächst nach Vișeu de Sus (dt. Oberwischau, ungar. Felsővisó, jidd. Ojberwischo), um mir eine Fahrkarte für die Schmalspurbahn zu sichern, dann zurück und weiter über Săcel und Bârsana nach Sighetu Marmației (dt. Marmaroschsiget).

Ja, die hohen Holzkirchen entsprechen meiner Erinnerung, alles andere aber hat sich vollkommen verändert. Nach meinem Eindruck scheint jedes zweite Haus neu zu sein. Das Gebiet ist dicht besiedelt und, dem Autoverkehr nach zu urteilen, relativ wohlhabend. Die berühmten Holztore und Holzhäuser sind selten geworden. Ebenso selten geworden sind Frauen mit der Wollspindel in der Hand und Männer mit Sense auf der Schulter. Sie trugen damals Schuhe aus einer Ledersohle mit Schnüren über weiße Schafwollsocken hochgebunden bis zum Knie. Nichts von all dem ist mehr da. Nur eine Frau sehe ich unterwegs mit einer Spindel in der Hand und Wolle spinnen .

In Oberwischau lasse ich mir nicht nehmen, mit der dampfbetriebenen Schmalspurbahn in ein romantisches Karpatental zu tuckern. Die Kleinbahn transportiert noch immer Holz (die Holzindustrie hat sich enorm entwickelt). Sie ist die letzte Waldbahn in Rumänien und hat eine ganz aktuelle Geschichte (Tages Anzeiger). Das gastfreundliche Wesen der Rumänen darf man nicht auf wirtschaftliche Kontakte beziehen.

Eindrucksvoll und für ein Bahnhofsgebäude ungewöhnlich eine Fotoausstellung zur ehemals jüdischen Bevölkerung. Bis 1944 wurden Zehntausende Juden aus dieser Gegend, die damals zu Ungarn gehörte, nach Auschwitz deportiert und – nach wie vor unvorstellbar – dort vergast, umgebracht. Kaum jemand kam zurück. Dank eines Überlebenden konnten in Ojberwischo die Häuser, in denen Juden lebten, auf einer Karte rekonstruiert und mit den Namen der ehemaligen Bewohner und Besitzer versehen werden. Ob das allen angenehm ist?

In Sighetu Marmației schließlich angekommen, einer Stadt im äußersten Nordwesten Rumäniens mit etwa 40 000 Bewohnern (10 Prozent Ungarn), werde ich von zwei monumentalen Kirchen begrüßt. Die neuen Kirchen stehen in offenkundiger Konkurrenz unmittelbar nebeneinander. Die katholische Kirche wirkt moderner, gleichwohl – wie ich finde – nicht einladender als die orthodoxe.

Ich besuche zunächst die jüdische Gedenkstätte im Geburtshaus von Elie Wiesel, Schriftsteller und Nobelpreisträger (Siebenbürger Zeitung). Das Haus zeigt in ehemaligen Wohnräumen die Geschichte der jüdischen Kultur im Mamamuresch (Jüdische Allgemeine). 10000 Juden lebten einstmals in der Stadt.

Dann gehe ich in in die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstandes. Das eindrucksvolle wie informative Memorial Sighet wurde 1993 von der Alianța Civica (Bürgerallianz) und der Schriftstellerin Ana Blandiana initiiert. Die Gedenkstätte – unter der Schirmherrschaft des Europarats  – richtete man in einem Gefängnis ein, in dem ab 1948 vom kommunistischen Regime unter den verschiedensten Vorwänden Menschen inhaftiert und misshandelt worden waren. Mehr als zwei Millionen Opfer hatte das kommunistische Regime zwischen 1944 und 1989 gefordert – als Zwangsarbeiter, Deportierte, Gefangene, Gefolterte, Ermordete (Traian Băsescu 2006).

Betroffen und nachdenklich verlasse ich Sighet in Richtung ukrainische Grenze – auf verschlungenen, aber auffallend guten Straßen.

In der Kleinstadt Negrești-Oaș (ungar. Avasfelsőfalu oder Felsőfalu) überrascht mich ein Erlebnis der besonderen Art: Einige Dutzend, vielleicht hundert neue pompöse Villen, meist wenig geschmackvoll, reihen sich aneinander. Besonders beliebt sind gewölbte, runde Dächer hochaufragend wie aufgeblasen. Der einzige für mich nachvollziehbare Grund für diese Ansammlung von Reichtum wäre zu viel Geld. Warum diese Zurschaustellung hier in dieser Gegend stattfindet, bleibt mir ein Rätsel.

notiert am 2. Juni 2015

(6) In der Mitte Europas und am Ende der Reise 

Das Gebiet und die Orte in der Ukraine, die ich jetzt besuchen will, liegen geografisch in der Mitte Europas und sind mir dennoch völlig unbekannt. Das Areal gehörte bis 1919 zu Ungarn, dann zur neugebildeten Tschechoslowakei … Ende 1944 übernahmen die Sowjets die Herrschaft. Seit 1991 ist die gesamte Ukraine unabhängig – nach einem landesweiten Referendum (Wahlbeteiligung 84, Zustimmung 90 Prozent).

Die Grenzkontrollen von Rumänien in die Ukraine verlaufen wieder reibungslos. Dann beginnt jedoch der Schrecken: Die Straße besteht nicht mehr als solche, Loch an Loch und Schotter wechseln sich mit kantigen Resten des ehemaligen Belags ab. Für die nächste Stunde bleibt daher die Frage, wie lange geht das so? Bis Lwiw? Doch nach 20 Kilometern ist alles vergessen.

Die Theiß (ukr. Tisza), ein Nebenfluss der Donau, überquere ich, dann kommt das Städtchen Vynohradiv (ung. Nagyszőlős) und schließlich Mukatschewe (ung. Munkács, tschech. Mukačevo, dt. Munkatsch). Die geschäftige Kleinstadt liegt malerisch am Südrand der Ostkarpaten (mdr). Der Weinbau wird hier seit Jahrhunderten gepflegt. Die Kelten siedelten bereits in dieser Gegend. Im 18. Jahrhundert zogen deutsche Siedler hier her. In der Stadt bestand eine große jüdische Gemeinde  –  bis zur Deportation nach Ausschwitz.

Das Schloss Palanok, im 14. Jahrhundert auf dem 70 Meter hohen Burgberg erbaut, hat eine bewegte Geschichte. Der ungarische Nationalheld Franz II. Rákóczi residierte auf der Burg, lange Zeit fungierte das Schloss als Gefängnis und in den 1950er Jahren hatten sich hier der NKWD und KGB einquartiert. Vom Schlossberg blickt man bei schönem Wetter unglaublich weit in die ungarische Tiefebene und – nach Nordosten – in die mächtigen, wenngleich sanften Berge der Waldkarpaten.

In der Stadt verkehren dicht an dicht moderne Autos und „alte Kisten“ (die Typen, die ich noch aus DDR-Zeiten kenne). Erst eine Fußgängerzone befreit von Autos und Abgasen. Die zwei- und dreistöckigen Häuser aus dem 19. Jahrhundert sind gut erhalten. Ukrainische Fahnen wehen an den offiziellen Gebäuden, sonst eher selten. Auf dem Markt steht ein kleiner Stand, an dem Studentinnen für Europa werben. Postkarten mit Stadtmotiven aufzutreiben, ist schwierig.

Mitten im Trubel spricht mich ein Ukrainer an, der vorzüglich Deutsch spricht, empfiehlt ein Hotel in den Bergen (in Polyana) und eine kleine mittelalterliche Burg (St. Miklos) am nordöstlichen Rand der Stadt. Wenn sich schon Deutsche in die Ukraine trauen, dann – so sagt er – müsse man ihnen auch besonders behilflich sein.

Die kleine Burg zu finden, ist eine Herausforderung. Wie häufig ist keine Beschilderung vorhanden. Von außen sieht St. Miklos nicht sehr einladend aus. Innen begrüßt uns der Hausherr, der  – wie er auf Deutsch sagt – ohne staatliche Unterstützung das Schlösschen mit Ausstellungen, Musik und Restaurierungen am Leben hält und Stück für Stück ausbaut. Obwohl deutscher Herkunft könne er leider nicht mehr so gut Deutsch sprechen. Ein junger Kiewer Architekturstudent, der hier als Praktikant arbeitet, spricht Englisch und führt sehr sympathisch durch die verwinkelte Burg, verwickelte Geschichte und moderne Ausstellung.

Auch den zweiten Vorschlag befolge ich und übernachte in Polyana im Hotel Reikartz, einem vorzüglichen und preiswerten Hotel. Die bauliche Umgebung präsentiert sich neureich und schrecklich, also bleibe ich nicht, obwohl die Buchenwälder zum Wandern einladen.

Über die Karpaten führt mein Weg nach Lemberg zurück. Zunächst verläuft die breite Straße durch dichten Buchenwald, kräftig der Anstieg, aber keine steilen Berge, später lichten sich die Wälder, dann folgen Wiesen, kleine Felder, ab und zu Dörfer. Hier sieht es anders aus als in den Städten, offenkundig leben die Menschen hart und mühselig. Die Waldkarpaten zu besuchen, nehme ich mir für eine nächste Tour vor.

Die Straße über die Karpaten erweist sich als gut befahrbar. Der Verkehr hält sich in Grenzen. In wenigen Stunden bin ich am Ziel. In Lwiw fühlte ich mich schon wie zu Hause.

Die Westukraine ist westeuropäisch geprägt. Wie der Krieg im Osten des Landes Gesellschaft und Leben beeinflusst, davon habe ich nur wenig gesehen (euronews). Nachrichten über das Land zu bekommen, bedarf einiger Mühe, und sie zu verstehen auch. Außerdem kann nicht alles geglaubt werden, was durch die Nachrichtenwelt flattert oder getrieben wird (Krautreporter: „Der Plan von der Abschaffung der Wahrheit“). Ich sah wie die Ukrainer leben, wie sie sich bewegen, sich anziehen, was sie einkaufen, wo und wie sie wohnen. Der erste Blick zeigt die äußerlichen Bedingungen und diese sind häufig anders als gewohnt. Deshalb war mir der zweite Blick vor Ort so wichtig.

Die kyrillischen Buchstaben kann ich nur mühselig entziffern, von daher wusste ich selten, was sie bedeuten. Macht nichts. Orientierungstafeln und Wegweiser sind in Osteuropa ohnehin Mangelware. Gute Karten konnte ich im Lande kaufen. Reiseführer gibt es (Ukraine – der Westen, Reise Know-How Verlag). Mit Englisch in den Städten und mit „Händen und Füßen“ kam ich gut durchs Land. Genau hingesehen, da entdeckte ich überall äußerst gastfreundschaftliche, sympathische und engagierte Menschen. Die Ukrainer wollen geachtet sein und besser leben als bisher. Die Reise in das Maramuresch und die Bukowina in Rumänien zeigt, das Ziel ist realistisch, wenngleich nicht ohne Risiko und mit viel Arbeit und Anstrengung verbunden.

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Die Reise in die Westukraine und nach Rumänien erlebte ich gemeinsam mit meiner Frau und Erfurter Freunden.

notiert am 5. Juni 2015

Reinhard Bohse

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