18. Februar 2019, 18.30 Uhr – „Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer“ – Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

Vortrag und Diskussion „Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer“*

 

Eine Veranstaltung des EuropaMaidan Leipzig mit Dr. Anna Veronika Wendland (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg / Leipzig), Pfarrer Ralf Haska (ehem. Kiew, heute  Marktleuthen), Dr. Oksana Makohon (Ukrainische Gemeinde Leipzig), Moderation:  Reinhard Bohse                                                                                                                  

*Die Überschrift der Veranstaltung  folgt dem Titel eines Buches von Andreas Kappeler (Schweiz, Historiker):  Ungleiche Brüder, Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart; Hrsg. Zentrale für politische Bildung. C.A.Beck 2017.  Der Autor hat dieser Verwendung als Überschrift der Veranstaltung ausdrücklich zugestimmt.  

Alina Artamina und Stephan Bickhardt, Ansprechpartner: Reinhard Bohse

Fünf Jahre nach den blutigen Ereignissen auf dem Kiewer Maidan und dem Beginn des russisch-ukrainischen Krieges ist der Konflikt, der weit über 10.000 Opfer forderte und Millionen Menschen aus ihrer angestammten Heimat vertrieb, aus den Schlagzeilen geraten. Nur beim periodischen Aufflammen neuer Aggressionen, wie jüngst in der Meerenge von Kertsch, hören die Westeuropäer noch hin. Fünf Jahre Ukraine-Russland-Krieg geben aber auch Anlass zu einer Bestandsaufnahme: Was sind die Konflikttreiber? Stimmen unsere Einschätzungen über die Motive und Strategien der beteiligten Akteure? Was hat sich seit 2014 geändert, welche Kontinuitäten können wir sehen? Welche historischen Sachverhalte müssen wir kennen und verstehen, um diesen Konflikt richtig einzuordnen – und nach Lösungen zu suchen? 

Der Wiener Osteuropahistoriker Andreas Kappeler hat in seinem Buch „Ungleiche Brüder“ die Ursachen des Konflikts in einem von Spannung gezeichneten post-imperialen Verhältnis zwischen Russen und Ukrainern gesehen.  Russische Eliten und russische Bevölkerung eint der imperiale „Phantomschmerz“ und die Vorstellung, die Ukrainer seien ohne russische Vormundschaft, ohne einende allgemeinrussische Kultur nicht überlebensfähig und auch nicht zivilisiert genug, um einen Platz in der europäischen Nationengemeinschaft einzunehmen. Die Eignung zur Staatsbildung und die kulturelle Eigenständigkeit werden den Ukrainern häufig abgesprochen. Der Krieg im Donbass, die Annexion der Krim sind so gesehen Resultate eines verspäteten Dekolonisierungskrieges, verstanden als Konflikt enger Verwandter, die in einem historischen Unterordnungsverhältnis standen, welches in der Moderne auseinanderbrach. Russen und Ukrainer bekämpfen sich umso leidenschaftlicher nicht obwohl, sondern gerade weil sie sich kulturell so nahe stehen. 

Die Ukraine spielt im russischen Konzept des Russisch-Seins nach wie vor eine zentrale Rolle.  2014 hat der „große Bruder“ versucht, die Emanzipationsbestrebungen des Kleinen zu ersticken, und das Projekt einer westlich orientierten Ukraine durch einen blutigen Dauerkonflikt an der Ostgrenze des Landes zu torpedieren – was ihm aber letztlich nicht gelungen ist. Doch auch der „kleine Bruder“ hat sich trotz eines Vierteljahrhunderts der Eigenstaatlichkeit, trotz der nationalen Selbstvergewisserung im Kriege und der Stärkung einer übersprachlichen Staatsidee immer noch nicht von Russland gelöst. Keine Regung in Moskau, die nicht in Kiew sorgfältig registriert würde. Nach wie vor sind Geschichtspolitik und politische Diskussionen in der Ukraine von einem reaktiven Abgrenzungs-Gestus Richtung Russland geprägt. 

Dabei läuft man Gefahr, auch Teile der eigenen Identität und Geschichte mit über Bord zu werfen. So wird heute eine Beschäftigung mit der Geschichte der Sowjetukraine ängstlich umgangen, obwohl die Ukrainische SSR aus Sicht der nüchternen Geschichtsforschung ein machtvoller Motor der ukrainischen Nationsbildung im 20. Jahrhundert war. Stattdessen sucht man nach neuen, möglichst un-sowjetischen Identifikationsfiguren und Kriegshelden. Viele Ukrainer glauben diese neuen Helden im Umkreis der antisowjetischen Partisanen des Zweiten Weltkriegs gefunden zu haben, die aber häufig keinen besseren historischen Leumund haben als die stalinistischen Generäle, und in der Bevölkerung alles andere als unumstritten sind. Unsere Referentin zeichnet in ihrem Impulsvortrag diese widersprüchliche Bilanz auf der Grundlage eigener Forschung und eigener Erfahrungen in der Ukraine und in Russland nach.

Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropahistorikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft. Sie hat in Köln und Kiew studiert und in Köln bei Andreas Kappeler mit einer Arbeit zur Geschichte russophiler Bewegungen in der Westukraine promoviert. Längere Forschungsaufenthalte führten sie nach Lemberg/Lviv, Wien und Sankt Petersburg. Wendland arbeitet in der Direktion des Herder-Instituts als Forschungskoordinatorin sowie Projektleiterin in mehreren Forschungsprojekten zur Umwelt-, Konflikt- und Technikgeschichte des östlichen Europas. Sie ist Mitglied der 2014 gegründeten Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission. Ihre wichtigsten Publikationen behandeln das russisch-ukrainische Verhältnis im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die Stadt- und Umweltgeschichte Osteuropas sowie die Zeitgeschichte der Sowjetukraine. Für ihre Habilitationsschrift Atomgrad. Kerntechnische Moderne im östlichen Europa hat sie einige Jahre lang Feldforschung in einem ukrainischen Kernkraftwerk und der dazugehörigen Atomstadt gemacht.  Wendland lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig. In ihrer Freizeit bloggt sie bei den salonkolumnisten.com und anderen Autorenblogs zu osteuropäischen und energiepolitischen Themen.